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Der Glaube der Aramäer
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Das Christentum ist eine semitische Religion (Teil 1)

Das Christentum breitete sich zuerst unter den Menschen semitischen Ursprungs und kulturellen Hintergrundes aus. Die Propheten und Jesus samt Seinen Aposteln waren Orientalen und das Alte Testament war für die Aramäer in seiner semitischen Sprache, Aramäisch, abgefasst worden. Jesus gab Seinen Jüngern Auftrag, zuerst zu den «Verlorenen Schafen aus dem Hause Israel» zu gehen (Mt. 10:6). Diese waren vor allem in Aram-Naharaim - Aram der vier Flüsse (Mesopotamien) und Persien weit zerstreut worden, als die Assyrer sie 721 v. Chr. gefangen wegführten. Die Galiläer der Zeit Jesu ihrerseits stammten hauptsächlich von den Stämmen ab, die auf der Ostseite des Euphrat ansässig gewesen waren und durch den Assyrerkönig gezwungen wurden, sich im nördlichen Palästina anzusiedeln (2. Kön. 17:24). Im mesopotamischen Dura Europos des Nikanor am mittleren Euphrat - wenig oberhalb von Mari - befindet sich die älteste ausgegrabene christliche Kirche der Welt. (fide Prof. Dr. W. F. Albright, Baltimore, Md.).

Die Aramäer, Galiläer und Juden (Söhne und Kinder der Aramäer) nahmen als erste die Lehre Jesu an. Außerdem predigten die Apostel anfänglich in den Synagogen. Deshalb waren die von ihnen Bekehrten ihre eigene Landsleute bzw. Aramäer, besonders solche, die durch Heirat mit jüdischen Familien verwandt waren, wie Timotheus und Titus, von denen der aramäische Text aussagt, dass ihre Väter Aramäer und ihre Mütter Jüdinnen gewesen sind (Apg. 16:1; Gal. 2:3). Die in Ephesus zum Christentum Übergetretenen waren Aramäer und Juden. Die darauf bezügliche Stelle lautet im altaramäischen Text: «Das aber ward kund allen, die zu Ephesus wohnten, sowohl Aramäern als Juden; und es fiel eine Furcht über sie alle, und der Name des Herrn Jesu ward hoch gelobt» (Apg. 19:17). Ferner fuhren die Christen noch geraume Zeit fort, zu ihrem Gottesdienst in die Tempel und Synagogen zu gehen; sie befolgten jüdische Bräuche und Überlieferungen und hielten das mosaische Gesetz und den Sabbat. Nahezu zweihundert Jahre lang waren die Vorsteher (Auf-Seher)=Epi-skopoi=Bischöfe) der Gemeinde von Jerusalem Semiten, mit anderen Worten, die Nachfolger Jesu waren den Lehren der Propheten gehorsam, da ihr Meister ihnen erklärt hatte:

«Ihr sollt nicht wähnen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn ich sage euch wahrlich: Bis dass Himmel und Erde vergehe, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis dass es alles geschehe. Wer nun eines von diesen kleinen Geboten auflöst und lehrt die Leute so, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich» (Mt. 5:17-19).

Ganz offensichtlich wollte Jesus bei Seinen Jüngern nicht den geringsten Zweifel über Seine Stellungnahme zum Gesetz und zu den Lehren der Propheten aufkommen lassen.

Die Christen des Westens vergessen oft, dass das Christentum eine östliche Religion ist und die Bibel ein orientalisches Buch, das von Morgenländern in erster Linie für den Gebrauch durch ihre eigenen Landsleute aufgezeichnet wurde. Sie vergessen ebenfalls, dass biblische Manuskripte schon von den ältesten Zeiten an im Nahen Osten weit verbreitet waren, ganz im Gegensatz zur großen Seltenheit und relativ späten Erwerbung und Benutzung der Heiligen Schrift in Europa und Amerika. Dies alles war aber nur natürlich, denn das Christentum begann ja im Osten.

Der Westen übersieht, dass Martin Luthers «Biblia», das ist, die ganze Heilige Schrift, Deutsch, in Wittenberg erst 1534 erschien und die englische «King James Version» im Jahre 1611 herauskam. Die europäischen Völker erhielten erst etwa anderthalb Jahrtausende nach den Christen des Orients Zugang zur Bibel. Der größte Teil Europas wurde um die Jahre 800-1000 zum Christentum bekehrt, und zwar durch kaiserliche Erlasse, ohne dass das Volk viel von den Lehren Christi erfuhr. Die Franken, Langobarden, Sachsen und Briten wurden zur Annahme des westlichen Christentums aufgerufen.

Das Lesen der Bibel blieb dem Volk jedoch bis gegen das sechzehnte Jahrhundert hin verboten. Europäische Christen wurden lebendig verbrannt oder auf andere schreckliche Weise getötet, wenn man heilige Schriften bei ihnen fand oder sie sich gar an Übersetzungsversuche wagten. Selbst in England, das im Westen doch die Wiege der Glaubensfreiheit war, wandten viele Bischöfe und Priester, sich gegen die Übersetzung und Veröffentlichung der King James Version und nannten sie eine Gotteslästerung.

George M. Lamsa, Ursprung des Neuen Testaments. Übersetzt von Dr. Richard E. Koch 1965.