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Der Glaube der Aramäer
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Das Christentum ist eine semitische Religion (Teil 1)
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Das Christentum ist eine semitische Religion (Teil 2)

Andererseits hatten die Griechen und Römer vor der Bekehrung des Kaisers Konstantin im Jahre 318 n. Chr. die christliche Religion als staatsfeindlich erklärt. Während der Verfolgungen, die unter Nero im Jahre 64 n. Chr. begannen und bis 318 n. Chr. dauerten, wurden die heiligen Schriften wiederholt öffentlich verbrannt. Vor dem Erscheinen von Luthers Bibelübersetzung und der King James Version hatte man die lateinischen Manuskripte sorgfältig hinter Schloss und Riegel gehalten und nur einigen wenigen Priestern und Mönchen zu ihnen Zugang gewährt. In jenen Zeiten waren die aramäischen Manuskripte in Europa gänzlich unbekannt und Griechisch wurde nur ganz selten gelehrt. Melanchthon zu Wittenberg war damals einer der ganz wenigen Professoren, der die griechische Sprache dozierte.

Als Erasmus von Rotterdam es unternahm, die Heilige Schrift zu übersetzen, war er nicht imstande, in Holland oder England ein einziges vollständiges griechisches Manuskript zu finden. Er musste es rekonstruieren und gab dann im Jahre 1516 in Basel als erster das Neue Testament in griechischer Sprache gedruckt heraus. In jener Zeit nahmen die vielen Versuche durch Westcott und Hort und andere zur Wiederherstellung der griechischen Fassung und zur Wiederbelebung der klassischen griechischen Wissenschaft ihren Anfang.

Sie führten zu den zahlreichen Revisionen, die von immer wieder neuen, hauptsächlich durch deutsche Gelehrte entwickelten Theorien ausgingen. In auffallendem Gegensatz zur soeben erwähnten Seltenheit biblischer Manuskripte in Europa befanden die aramäisch geschriebenen Heiligen Schriften sich in Palästina, Aram (heute Syrien) und Aram-Naharaim in großer Zahl im Umlauf und wurden in Kirchen und Heimstätten vom allerersten Beginn des Christentums an bis heute dort eifrig gelesen. Tatsächlich war die Bibel die einzige Quelle, aus der diese Völker, die um ihrer Religion willen soviel erduldet haben, immer wieder Mut schöpften, um ihren Glauben aufrecht zu erhalten. In vielen Gegenden des Orients gab es außer den auf Häute geschriebenen Bibeln keinerlei andere Literatur, bis Missionare vor relativ wenigen Jahren gedruckte Bücher einführten.

Die altaramäischen Estrangelomanuskripte wurden ohne jegliche Verfälschung überliefert, denn die Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien blieb frei von den Ketzereien und Polemiken, die anderswo auftraten. Teile des östlichen Christentums bewahrten sich immer ihre Unabhängigkeit von Byzanz und Rom.

Vor dem Entstehen des britischen Kaiserreiches besaßen die Christen Europas keinen wirklichen Kontakt mit den Kirchen des Orients. Sie wussten daher sehr wenig über die morgenländischen Sitten und Bräuche und über die semitischen Sprachen. Aus diesem Grunde hat wohl ein Leonardo da Vinci, Jesus, die Magd Maria und die Fischer-Apostel in kostbare, karmesinfarbige Gewänder gehüllt, statt sie in einfacher, ländlicher Tracht erscheinen zu lassen. Auch wurden Marco Polos Erlebnisse und Erfahrungen, die er gegen Ende des 13. Jahrhunderts im Orient, in Zentralasien und im Fernen Osten machte, sowie seine Entdeckung christlicher Gemeinden in jenen Gebieten, z.B. auch in China, in Europa viel zu wenig bekannt, um aufklärend wirken zu können. Die Araber und Türken versperrten den Weg nach Indien und Südost-Asien. Dieser Umstand war zweifellos mitbestimmend für den Entschluss von Christoph Columbus, auf der Suche nach einer neuen Route nach Indien den Atlantik zu überqueren. Zu alledem kam noch, dass Europa sich während langer Zeiten durch Kriege, Revolutionen und auch durch Zänkereien über verschiedene kirchliche Lehren und biblische Auslegungen selbst zerfleischte.

Allem Anschein nach erhielten die Römer die Heilige Schrift von den Griechen. Einige Griechen wurden von Paulus, Timotheus und andern jüdischen und aramäischen Missionaren bekehrt, die von den Gemeinden in Jerusalem und Antiochien in Aram - hier wurden die Anhänger Jesu zum ersten Mal Christen genannt; (Apg. 11:26) ausgesandt worden waren. Man sieht daraus das wunderbare Wachsen der christlichen Religion, die sich zuerst unter den Angehörigen der semitischen Rasse und Kultur ost- und westwärts in die persischen und römischen Kaiserreiche ausbreitete. Später wurde die Kunde der Geschichte des Kreuzes von einem Volk dem andern überbracht. Dasselbe galt auch für die Ausbreitung der heiligen Literatur.

George M. Lamsa, Ursprung des Neuen Testaments. Übersetzt von Dr. Richard E. Koch 1965.