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TÜRKEI: Erste aramäische Schule seit 1928 PDF Drucken
Donnerstag, 16. Oktober 2014

Heidelberg, 16.09.2014 - Zum ersten Mal seit 86 Jahren darf in der Türkei offiziell Aramäisch unterrichtet werden. Die aramäische Gemeinde in Istanbul erkämpft sich gerichtlich das Recht auf Gründung einer eigenen Schule. Der Unterrichtsbetrieb in Aramäisch, Türkisch und Englisch beginnt mit dem neuen Schuljahr.

 

Der Bundesverband der Aramäer in Deutschland zeigt sich erfreut über die Eröffnung der ersten aramäischen Schule in der Türkei seit 86 Jahren. Damit wird in der Türkei zum ersten Mal seit der Staatsgründung aramäischer Schulunterricht zugelassen. Die im Istanbuler Stadtteil Ye?ilköy öffnende Grundschule startet mit 6 Lehrkräften und 8 weiteren Verwaltungskräften. Neben Aramäisch wird auch Türkisch und Englisch unterrichtet.

Der Bundesverband der Aramäer in Deutschland beglückwünscht die aramäische Gemeinde in Istanbul für diesen mutigen und gleichermaßen historischen Schritt. Mutig, weil die Zulassung nicht in Folge von Demokratisierung oder Verbesserung der Rechtstaatlichkeit erfolgte, sondern aufgrund eines Gerichtsurteils, dass sich die Aramäer in Istanbul nach einem langwierigen Rechtsstreit durch alle Instanzen erkämpft haben. Historisch, weil es zum ersten Mal nach 86 Jahren wieder in der angestammten Heimat der Aramäer möglich ist, aramäische Kinder in ihrer Muttersprache zu unterrichten, so der Bundesverband der Aramäer in Deutschland weiter.

Daniyel Demir, der Vorsitzende des Bundesverbandes der Aramäer weist darauf hin, dass die Aramäer seit über 4.500 Jahren auf dem Gebiet der heutigen Türkei leben: „Wir sind sehr froh darüber, dass unsere Gemeinschaft in der Türkei diesen wichtigen Schritt vollzogen hat. Dennoch fragen wir uns, warum es in einem EU-Beitrittskandidaten eines langen Rechtsstreits bedarf, damit eine Minderheit in ihrer eigenen Muttersprache Schulunterricht abhalten darf - und das noch auf eigene Kosten.“

Die aramäische Gemeinde in der Türkei zählt nur noch 20 bis 25 Tausend Mitglieder. Vor der Staatsgründung im Jahre 1923 waren es schätzungsweise noch 1 Million Menschen, so der Politikwissenschaftler Dr. Gabriel Hanne. „Die Zulassung einer aramäischen Schule in der Türkei ist sicherlich historisch, sie ist jedoch keine historische Leistung der türkischen Regierung. In Anatolien wird seit 4.500 Jahren Aramäisch gesprochen. Im Osmanischen Reich gab es unzählige aramäische Schulen und Hochschulen. Diese wurden nach der Gründung der Türkischen Republik 1923 nach und nach geschlossen“, erklärt er weiter.

Auch die aramäische Gemeinschaft in der Türkei sieht trotz aller Freude über die erste eigene Schule, keinen Grund zur Euphorie. Das Gemeindemitglied Ilyas M. macht seine Enttäuschung über die türkische Bildungspolitik deutlich: „Es ist nicht nachvollziehbar, dass der türkische Staat sich weigert, unsere Schule finanziell zu unterstützen, während jährlich unzählige islamische Konfessionsschulen mit großzügiger, staatlicher finanzieller Ausstattung und Unterstützung quasi aus dem Boden schießen. Noch immer werden unsere Klöster und Kirchen mit Enteignungsklagen überflutet. Daran hat auch Erdogans sogenanntes Demokratiepaket nichts geändert.“

Der Bundesverband der Aramäer in Deutschland fordert die türkische Regierung auf, die Ungleichbehandlung von ethnischen sowie religiösen Minderheiten in der Türkei zu beenden. Die in der Türkei verbliebenen Aramäer sehen sich seit Jahrzehnten einer zunehmenden Islamsierung der türkischen Gesellschaft entgegen, die in immer mehr Lebensbereiche eindringt. Diese Entwicklung verstärkt den Druck auf die nichtmuslimischen Minderheiten wie die Aramäer.

„Die türkische Regierung muss endlich ihrer Worte Taten folgen lassen und die Situation der Minderheiten verbessern. Auch die Europäische Union muss sich dieser Thematik ernsthaft annehmen. Wenn die Türkei in den Beitrittsverhandlungen mit dieser Politik durchkommt, werden die Benachteiligungen für die Minderheiten endgültig zementiert. Es kann nicht sein, dass in einem EU-Beitrittsland der Verkauf von Bibeln immer noch nicht völlig freigegeben ist“, so der Bundesvorsitzende Daniyel Demir.

Der Bundesverband der Aramäer in Deutschland e.V. setzt sich für die Rechte und Interessen der Aramäer in Deutschland und den Heimatländern ein. Die Aramäer sind ein semitisches Volk, das im Südosten der Türkei sowie in den Ländern des Nahen Ostens beheimatet ist. In Deutschland leben ca. 100.000 Aramäer, in der EU insgesamt bis zu 300.000. Die christlichen Aramäer sind hauptsächlich Angehörige der syrischen Kirchen, darunter syrisch-orthodox, syrisch-katholisch, syrisch-maronitisch, syrisch-chaldäisch, apostolische Kirche des Ostens und Weitere.